7. Warum Grundlagenforschung und angewandte Forschung notwendig sind

Die Grundlagen-, und nicht nur die angewandte Forschung, ist im Bereich der Kenntnis der hochbegabten Personen besonders notwendig. Und sie ist es bezüglich mehrerer Punkte, die wir hier nur in aller Kürze andeuten können, indem wir einige mögliche Bezugspunkte und Wegzeichen für ihre Behandlung vorschlagen.

Bestimmte Darstellungen enthüllen ständige Verwirrungen und begriffliche wie empirische Lücken, aus denen sich Vorurteile und unbefriedigende Praktiken ergeben. Nehmen wir nur zum Beispiel die ständige und bizarrerweise immer wieder erneuerte Begriffsverwirrung zwischen den Konzepten und Tatbeständen der Begabung und des Talentes.

Die verwendeten Begriffe haben selbstverständlich nur insofern einen Sinn, als sie Tatsachen beschreiben. Wir möchten keinen semantischen Fetischismus betreiben,  wo keine Verzerrung offenkundig ist. Andererseits werden die Worte, wenn sie  häufig und in grosser Breite Anwendung finden, oft als wirksame Überzeugungs- und Verwirrungsinstrumente gebraucht oder …missbraucht.

Die Begabung bezieht sich auf eine psychologische Eigenschaft des Individuums und ist auf eine ziemlich wissenschaftliche Art und Weise feststellbar. „Ziemlich“ im  Sinne, dass sie oft nicht spontan („naiv“) als solche erkannt wird, weder durch die unmittelbare Umgebung noch durch den Betroffenen selber …oder doch nur durch einen der beiden.

Ausserdem stellt der Begriff der Begabung im Sinne von „Douance“ (Québec)  wirkungsvolle Tendenz, ja das Potenzial der Begabung dar, sich spontan zu entwickeln und zu steigern, was ja eine der grundlegenden Eigenschaften beim Kind ist.

Das Talent ist eine psychosoziale Charakterisierung, die durch die ganze oder einen Teil der Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Geschichte vermutet wiird, um aktuelle Kapazitäten zu bezeichnen, bei denen man dazu neigt, sie für eine objektive Wirklichkeit zu nehmen.

Die Begabung bezieht sich also auf eine, nur unter bestimmten Bedingungen sich ergebende, Verwirklichungsmöglichkeit.

Man stellt sie nur durch auffällige Verhaltensindizien fest, die in diesem Falle und unter diesem Gesichtspunkt „performativ“ sind, aber es bedurfte dessen, dass man sie aufsuchen und auffinden musste oder muss, da sie im allgemeinen ausserhalb  jedes offenkundigen Nutzens ihrer Verwirklichung auftritt.

Das Talent hingegen ist ein Erfolgserlebnis bzw. Erfolgsbeweis – beides wenigstens schon lokal und zeitweilig, öffentlich oder ausserwissenschaftlich, in einem bestimmten Gebiete der menschlichen Aktivität erbracht. Und es wird durch einen gesellschaftlichen Konsens als Beitrag geschätzt. Dieser ist zwar oft etwas umstritten, ob diskret oder öffentlich, aber er kann bis zur Einstimmigkeit, ja sogar zum vorbehaltlosen Lob reichen.

Natürlich kann dieser gesellschaftliche Konsens auch einstürzen oder – besonders in den am wenigsten technowissenschaftlichen Bereichen – sich ins Gegenteil wenden (man bedenke z.B. den holperigen Schicksalsweg der französischen  „pompösen“ Maler der Dritten Republik am Ende des XIX. Jahrhunderts).

Doch gerade die technowissenschaftlichen Sektoren sind schlechthin Erfindungs- und Innovationsstandorte, obschon sie oft als Antithese der ausgewählten Sektoren der Kreativität dargestellt werden, die man manchmal fast ausschließlich in den ästhetischen oder künstlerischen Bereichen angesiedelt sehen möchte: ein weiteres Feld für Überlegungen!

Eines der Hauptverdienste der wissenschaftlichen Psychologie, am Beginn des XX. Jahrhunderts, hat darin bestanden, Hochbegabungen zu entdecken (das heisst in anderen Worten : verheimlichte Möglichkeiten aufzudecken), und dies sogar dort, wo die gewöhnliche Schulbeurteilung oft Schulmisserfolge oder sogar „Unerziehbarkeit“  diagnostizierte.

Diese Begriffsverwirrung taucht immer wieder auf und wiederholt die Probleme  der pädagogischen Praxis. Sogar in unserer Erfahrung mit speziellen Klassen für Hochbegabte kommt dies vor: Dieser oder jener Hochbegabte wird oft für „unverdaulich“ und nicht assimilierbar gehalten; und dieselben pragmatischen Beurteilungen behindern alles – bis hin zum Identifikation eines hervorragenden intuitiven und beschreibenden Scharfsinns, den einige unter uns manchmal nachweisen konnten, aber die Lehrer nicht bestätigen konnten, auch nicht in Spezialschulen.

Die Begriffe Begabung und Talent oder ihre Äquivalente können nicht verwendet  werden, als ob sie auswechselbar wären. Die Verwirrung wird am allerschädlichsten, wenn sie sich auf dem Gebiete der Erziehung breit macht.

So täuscht man sich, wenn man in der Schule den Ausdruck „hochbegabt“ benutzt, um einen „guten Schüler“ zu benennen. Der Schulerfolg ist bereits als eine Variante des Vor-Talentes einzustufen, und nicht als Begabung.

Eine weitere zusätzliche wichtige Fehlerquelle besteht darin zu glauben, dass ein mit hohen Eignungen begabtes Kind ein Kind ist, das in der Schule erfolgreich sein muss. Die tägliche Wirklichkeit beweist oft das Gegenteil.

Die Schwierigkeit ist nicht geringer, wenn es sich darum handelt, die schulischen Erfolgserlebnisse mit den beruflichen Erfolgserlebnissen zu vergleichen, besonders im Hinblick auf die zukünftige Lebensplanung: Diese bestimmen sich aus einer Mischung von Kompetenz oder Talent ist und sind auf unterschiedliche, keineswegs gradlinige Faktoren zurückzuführen. Die Idee einer beruflichen Hochbegabung ist noch unbrauchbarer als jene einer schulischen Hochbegabung.

Diese Unterscheidungen haben nicht zum Ziel, den Spezialisten für Begabung von allen Verbindungen mit den Kriterien von Schule, von Beruf, vom privaten oder gesellschaftlichen Leben zu entlasten und abzukoppeln. Das Gegenteil ist richtig. Keine einzige Arbeit über Begabung und Hochbegabung kann ohne die Perspektive dieser Strukturen, ihre Verbindungen und ihre Kausalitäten erfolgen. Die Familie, genauso wie die Schule, sind Mikrokosmen, für die es absolut notwendig ist, sie zu schützen. Denn die Abschottung gegenüber dem Zeitgeist, wenn sie sich radikal geben wollte, wäre unmöglich und im übrigen schädlich. Die Rolle der Ausbilder besteht darin, einerseits auf eine Verbesserung des Zeitgeistes hinzuwirken, falls er als inadequat angesehen wird, andererseits aber auch die ihnen Anvertrauten auf den wirksamsten, erfinderischsten und besten Gebrauch des bestehenden Zeitgeistes vorzubereiten.

Folglich haben wir uns immer mehr nützliche Gedanken über die psycho-sozialen Bedingungen zu machen, die es den Menschen ermöglichen, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen (oder auch nicht), und sie durch Erfolge oder auch durch Misserfolge im Bereich der menschlichen Aktivitäten zu materialisieren. Diese Überlegungen und ergo diese Forschungen sind nur möglich, wenn man die ursprünglich sehr starke Unabhängigkeit der psychometrisch festgestellten Begabungen und Hochbegabungen – im Verbund mit dem entsprechenden wissenschaftlichen und professionellen Apparat – anerkannt hat.

Die Fähigkeit, eine vorhandene Begabungen umzusetzen, nutzbar zu machen, betrifft eine Tatsache, die zu jeder Eignung gehört. Einige von nennen diese Funktion auch „chrestische Funktion“ (Gebrauchsfunktion). Um zu einer für jedermann nützlichen Kapazität zu kommen, und dies natürlich zuallererst zugunsten des Betroffenen selber, benutzt diese Funktion einen internen Vorgang: jenen der Wechselwirkung zwischen Eignungen und/oder deren Zwischen- und Wechselbenutzung. Die Entwicklung eines Kindes, eines Jugendlichen oder eines Erwachsenen beschreibt den Gebrauch, den eine besondere Eignung (oder mehrere Befähigungen) in Wechselwirkung mit anderen Eignungen der gleichen Person ausübt. Es ist genau dieser Vorgang, der die Grundlage des inneren geistigen Lebens bildet. Und den es sich empfiehlt zu erforschen, kennenzulernen und ihm Beistand zu leisten. In der Tat kommt das Herausfordern der Begabungen, was allein ihre Gebrauch und ihr Wachstum gewährleistet, sowohl vom Inneren (Endochrese) als auch von aussen (Exochrese). Hier liegt zweifellos der Hauptbereich des erfolgreichen pädagogischen und sozio-psycho-pädagogischen Eingreifens.

Die Begabungswissenschaft führt in ihren Handlungen bewusst und systematisch die Entwicklung der Begabung weiter, indem sie vom bewussten Vorgehen der Person ausgeht, dies auch unter geeigneter Mithilfe. Sie zielt darauf ab, bei jedem die Aktualisierung seiner grundlegenden Eignungen, dieser unentbehrlichen möglichen Quelle von Kapazitäten und dargestellten Kompetenzen, zu ermöglichen und zu verstärken. Anvisiert wird zuerst die Organisation der Wechselwirkung zwischen Eignungen selbst. So ist die Entwicklung der Erkennungsintelligenz in einem kreativen Sinn ohne die gemeinsame Entwicklung einer erfinderischen Aktivität im allgemeinen nicht möglich. Diese betrifft eher Träume oder Träumereien, die aber ebenso unentbehrlich sind wie die „methoden- und maschinenbewaffnete“ Logik.

Sie ist aber auch nicht ohne einen systematischen Rückgriff auf eine theoretische, experimentelle und praktische Psychologie des Willens möglich, so wie es insbesondere aus den Forschungsarbeiten der Gruppe „Einfluss der Sozio-Psychologie, Aktion Forschung Erziehung (GESPARE)“, einer Mitgliedsorganisation von Eurotalent hervorgeht, von der einige der oben ausgeführten Ideen stammen.

Die Inspirationsquellen von Eurotalent haben selbstverständlich viel von den Erfahrungen internationaler Kolloquien oder Kongresse, die von Eurotalent oder von anderen organisiert worden sind, profitiert. Darin sind auch Überlegungen, Wissen und lokale Erfahrungen aus Nord- und Süd-, West- und Osteuropa, aber auch aus anderen Kontinenten, aus Quebec und aus Ontario ( USA), aus Mittel- und Lateinamerika, ja aus verschiedenen Teilen Afrikas und Asiens, eingeflossen.

Noch ist die Begabungswissenschaft als solche und ihr Übergang zur Handlung ein ungenügend bearbeiteter Forschungsbereich. Kulturproduktionen erneuern sich unaufhörlich. Mangels bestimmter anwendungserzeugender Grundlagenforschungsarbeiten laufen die Errungenschaften Gefahr zu erstarren,  und nicht mehr der sich in ständiger Entwicklung befindenden sozio-kulturellen Realität angepasst zu sein.

Der interdisziplinäre Charakter der Forschungsarbeiten ist momentan offenkundig. Er erfordert eine Zusammenarbeit, die insbesondere von der neurologischen Physiologie bis zur Soziopsychologie reicht. Leider sind diese Wissensgebiete im allgemeinen zu ihrem eigenen Schaden untereinander stark getrennt.

Vielleicht werden es die Erfahrungen der Interventionen vor Ort sein, die sich mit diesen praktischen Problemen beschäftigen, welche die Zusammenarbeit zwischen wissenschaftlichen Partnern dank des assoziativen Katalysators der gemeinsamen Unternehmungen hervorbringen.

Eurotalent kümmert sich nicht nur um Kinder, aber dies ist dennoch ein wesentliches Interessenzentrum für uns. Wenn auch zahlreiche wissenschaftliche  „Bemutterungsstrukturen“ sich um das Kind streiten, so bleibt doch immer die authentischste Mutter jene, die es nicht in Stücke schneidet. So lautete das Urteil von König Salomon von vor etwa dreitausend Jahren, gefällt nach einer schon in vollem Umfang begründeten soziopsychologischen Versuchsmethode. Wie üblich in jedem guten Versuch hatte sie eine Theorie im Hinterkopf: im vorliegenden Fall ein Modell des Menschen. Ein Teil der menschlichen Natur (im vorliegenden Fall durch die Frau bewiesen), zeigt auf, dass die Liebe sehr großzügig ist und es ermöglicht, andere mehr zu lieben als sichselbst, inklusive das Interesse am Besitzes des Kindes. Die Liebe lässt also die erwachsenen Erzieher das Kind ihnen selbst vorziehen. Eine alte Lehre, die die unersetzbare Berufung der Eltern, der Erziehenden und der Akademiker betrifft.

Sokrates (Plato, in: Menon) bewies, dass das erstbeste Kind, und sei es ein nicht-griechischer Sklave, genügend mathematikbegabt ist, um das Pythagoreische Theorem zu beweisen. So gründete er eine kognitive und experimentale, heute noch sehr moderne und zukunftsträchtige Soziopsychologie. Dies ist umso bemerkenswerter, wenn man seine Erfahrung in Gegensatz zu heutigen Vertretern mit klaren rassenfeindlichen Tendenzen setzt, die die Gauss’schen Verteilungskurven in diesem Sinne auslegen und dabei selber von sich behaupten, wissenschaftlich zu sein und davon noch überzeugt sind, obwohl sie die äusseren Zeichen ihres unausgegorenen Denkens mit einer vorgegebenen probabilistischen Technizität übertünchen. Sokrates, obschon er (als Gesamtmuster) nur ein einziges Beispiel nahm, war und ist überzeugender.

Ähnlich war Salomon etwa 500 Jahre vorher ein Theoretiker und Experimentalpsychologe von hoher Bedeutung, einer der allerersten, den die Geschichte erwähnt und zu dem wir „in die Lehre gehen konnten.“ Es war dies eine Schule mit praktischen Arbeiten und – wie jede Schule – war sie für uns zuerst eine Rechtsschule – und ginge es nur um das Recht eines jeden Kindes, ausgebildet und gelehrt zu werden, woraus sich die Pflicht für jeden Erwachsenen ergibt, dieses Recht zu respektieren und integral respektieren zu lassen. Wie jedes wirksame Recht ist es nur die Verlängerung und die Verstärkung einer natürlichen Spontanität, nämlich jener der elterlichen Liebe, vorbereitet durch die Entwicklung von Jahrmillionen.

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